Virologe Christian Drosten wehrt sich gegen Berichterstattung der "Bild"-Zeitung

Der renommierte Direktor der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, hat sich gegen die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung über eine seiner Studien zur Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus gewehrt. In dieser sogenannten „Vorpublikation“ wird im Wesentlichen festgestellt, dass Kinder prinzipiell genauso ansteckend sein könnten wie Erwachsene. Am Montagabend postete der Wissenschaftler einen Tweet, in dem er auch die schriftliche Anfrage eines „Bild“-Redakteurs veröffentlichte. Dieser forderte ihn darin ultimativ auf, binnen einer Stunde auf kritische Zitate von Forschern – allesamt Experten für Wirtschaft und Statistik – zu antworten. Drosten lehnte die Anfrage mit den Worten „Ich habe Besseres zu tun“ ab. Die Bild veröffentlichte einen Bericht mit dem Titel „Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“ und implizierte mit dem fragenden Untertitel „Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?“ eine mögliche absichtliche Unterschlagung neuer Erkenntnisse.

In seinem Tweet warf Drosten der „Bild“ vor, „eine tendenziöse Berichterstattung“ zu planen. Die vorgebrachte Kritik fuße auf „Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang“. Die zitierten Wissenschaftler meldeten sich daraufhin zu Wort und konstatierten, dass sie von der „Bild“-Zeitung nicht kontaktiert und befragt worden seien und distanzierten sich ausdrücklich von der Berichterstattung. Dominik Liebl, Statistik-Professor an der Uni Bonn, schrieb auf Twitter: „[Ich] distanziere mich von dieser Art Menschen unter Druck zu setzen auf das Schärfste. Wir können uns mehr als glücklich schätzen, Christian Drosten und sein Team im Wissenschaftsstandort Deutschland zu haben.“

Corona

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Zitierte Kritiker wurden nicht direkt angesprochen

Im Kern geht es in dem „Bild“-Bericht darum, ob die Erkenntnisse aus der kritisierten Drosten-Studie zu unnötigen Schließungen von Kitas und Schulen aufgrund der Corona-Pandemie geführt hätten. Die Erkenntnisse des 48-jährigen Virologen und seines Teams aus der besagten Studie seien grundlegend für die entsprechenden politischen Entscheidungen gewesen. Den nicht näher datierten und zugeordneten Zitaten der Kritiker zufolge, weise die Drosten-Studie Schwächen in den statistischen Schlussfolgerungen und Methoden auf. „Bild“ führt vor allem den Züricher Professor für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention, Leonhard Held, an, der mit den Worten zitiert wird: „Die Erkenntnisse müssen mit einiger Vorsicht interpretiert werden.“ Die Studie leide unter einer kleinen Stichprobengröße von Kindern und Jugendlichen. Es gebe „moderate Beweise“ für eine zunehmende Viruslast mit zunehmendem Alter, so eines der „Bild“-Zitate.

Held distanzierte sich am Dienstagmorgen wie die anderen zitierten Wissenschaftler von der Art der Berichterstattung. „Ich wurde nie von Bild interviewt und distanziere mich vom Ansatz der „Bild“-Geschichte“, so Held. Er sehe aber auch keinen Grund, von den Schlussfolgerungen seiner eigenen Analyse abzurücken, dass die statistische Auswertung der Charité-Studie zur Corona-Viruslast nach Patientenalter unzureichend sei und verwies auf weitere Überprüfungen der Studie. Prinzipiell kritisieren die zitierten Forscher, dass bei der Berichterstattung die Arbeitsweise von Wissenschaft mit Studie, Erkenntnis, Überprüfung und Gegenrede bzw. Unterstützung außer Acht gelassen werde.

In einem Interview mit dem „Spiegel“ stellte der von der „Bild“ zitierte deutsche Ökonom Jörg Stoye von der renommierten Cornell-University in Ithaca im US-Staat New York fest: „Ich will nicht Teil einer ‚Bild‘-Kampagne sein“. Auch er betonte, er habe keinen Kontakt zur „Bild“ gehabt. In der Sache sei er im Gegensatz zur Charité-Studie der Meinung, dass es ein statistisches Muster und kein Zufall sei, dass Kinder weniger Viren in sich tragen als Erwachsene. Dies sei eine begründete Meinung, jedoch keinesfalls die Unterstellung, die Charité-Forscher hätten ihre Schlussfolgerung mit Absicht anders gezogen.

„Bild“: Kritiker bleiben bei ihrer Kritik

Der Autor des „Bild“-Berichts meldete sich via Twitter am späten Montagabend zu Wort und stellte fest: „Die ‚angeblichen Kritiker‘ distanzieren sich von der ‚Bild‘, das ist ihr gutes Recht. Aber sie bleiben bei ihrer Kritik an der Studie. Diese öffentlich geäußerte Kritik haben wir zitiert.“

Ebenfalls am späten Montagabend kommentierte Christian Drosten in einem weiteren Tweet die Diskussion um die „Bild“-Vorwürfe: „Ich habe mich bereits detailliert im Podcast dazu geäußert. Dort und im eigentlichen Manuskript gibt es eine ausführliche Diskussion der Limitationen unserer Studie. Die Aussage ist robust.“ In seinem beim NDR angesiedelten Podcast „Das Coronavirus-Update“ hatte Drosten die Erkenntnisse der fraglichen Studie als vorläufig gekennzeichnet. Der letzte Satz der Zusammenfassung der Studie lautet: „Kinder könnten so infektiös wie Erwachsene sein“. Daraus sei in Medien häufig eine absolute Aussage gemacht worden, so Drosten. Die Viruskonzentration bei Kindern und Erwachsenen sei kaum zu unterscheiden. […] wir können das statistisch nicht unterscheiden. Jetzt muss man weiter nachschauen.“

Quellen: Tweet Christian Drosten (1); Tweet Christian Drosten (2); „Bild“, Tweet Leonhard Held, Tweet Dominik Liebl, Tweet Christoph Rothe, „Spiegel“, Tweet Filip Piatov, Studie „An analysis of SARS-CoV-2 viral load by patient age“, NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten“; Zitat Christian Drosten aus dem NDR-Podcast zur kritisierten Studie (Retweet)

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