Eine Corona-Infektion als "Booster"? Was hinter der Idee steckt – und für wen sie gefährlich sein könnte

Das Coronavirus wird bleiben und mit der Zeit endemisch werden – Expertinnen und Mediziner verwenden diesen Begriff für Krankheiten, die dauerhaft in der Bevölkerung zirkulieren. Für Geimpfte wie auch Ungeimpfte bedeutet das: Sie kommen früher oder später mit dem Virus in Kontakt. Das Risiko für eine solche "Begegnung" dürfte bereits in diesem Herbst und Winter besonders hoch sein. Weil immer mehr Menschen geimpft sind, fallen die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus weniger streng aus. Auch ist die Bevölkerung wieder mobiler, was die Verbreitung zusätzlich begünstigt.

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Die Impfquote in Deutschland liegt derzeit bei 62,2 Prozent. Nach Ansicht von Expertinnen und Experten reicht das noch nicht aus, um eine starke vierte Welle in Herbst und Winter einzudämmen. Besonders für Ungeimpfte birgt der Kontakt mit dem Virus Risiken: Sie stecken sich nicht nur häufiger an, sondern entwickeln auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit schwere Verläufe. Unentschlossenen wird daher aktuell dringend zu einer Impfung geraten, bevor die Fallzahlen Richtung Herbst und Winter weiter steigen.

Bereits seit längerem ist bekannt, dass sich auch Geimpfte mit dem Virus anstecken und Symptome entwickeln können. Solche  "Impfdurchbrüche" sind selten. Die Wahrscheinlichkeit steigt aber, je länger die Impfung zurückliegt. Impfdurchbrüche bedeuten nicht, dass die Impfungen nicht wirken, im Gegenteil: Geimpfte haben im Fall einer Infektion eine deutlich bessere Ausgangslage als Ungeimpfte. Sie sind sehr sicher vor schweren Verläufen geschützt. Die Infektion führt bei ihnen zudem zu einer Art "Auffrischung" für das Immunsystem.

Impfungen ebnen den Weg in die Normalität

Der Berliner Virologe Christian Drosten hatte über diesen Effekt kürzlich auch in dem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" gesprochen – und erklärte, wie er ihn sich künftig zunutze machen will.

"Mein Ziel als Virologe Drosten, wie ich jetzt gerne immun werden will, ist: Ich will eine Impfimmunität haben und darauf aufsattelnd will ich dann aber durchaus irgendwann meine erste allgemeine Infektion und die zweite und die dritte haben", sagte Drosten im Podcast. 

"Und dann weiß ich, bin ich richtig langhaltig belastbar immun und werde nur noch alle paar Jahre überhaupt mal dieses Virus sehen, genau wie ich die anderen Coronaviren auch immer mal wieder sehe. Das kann ich als relativ gesunder Erwachsener so für mich verantworten."

Seine Zitate wurden fälschlicherweise schnell als Eingeständnis gedeutet, die Infektion biete mehr Schutz als die Impfung – was nicht stimmt, da Drosten selbst bereits zweifach geimpft ist. Auch dass sich Drosten gezielt infizieren wolle, wurde berichtet. "Lese heute ja verrückte Dinge über mich", postete Drosten daraufhin in der vergangenen Woche auf Twitter. "Selbstverständlich will ich mich nicht selbst infizieren!" Wer verstehen wolle, worauf er hinauswolle, könne das im Podcast nachhören.

Impfquote muss weiter steigen

Wichtig ist: Die Zitate müssen im Kontext gesehen werden. In dem Podcast ging es vor allem darum, wie Impfungen den Übergang von einer Pandemie in die Endemie ebnen. Ist der endemische Zustand erreicht, zirkuliert das Coronavirus zwar weiter, allerdings muss es nicht mehr mit strengen Maßnahmen unter Kontrolle gehalten werden, weil eine ausreichend große Anzahl an Menschen bereits eine Immunität hat. Durch Impfungen wird der endemische Zustand schneller erreicht – und noch viel wichtiger: mit weniger Todesfällen und schweren Krankheitsverläufen als durch natürliche Infektionen.

"Wann dieser Zeitpunkt ist, das liegt an uns. Und das liegt an der Impfquote", so Drosten. Noch sei man nicht an diesem Punkt. Gleichzeitig warnte er davor, eine gute Gelegenheit zum Sprung in die Endemie möglicherweise zu verpassen. "Denn dieses Springen über die Schwelle in die Endemizität, das hält die Vakzine auch nicht für immer für die Gesamtbevölkerung bereit. Sondern der Impfschutz wird ja auch wieder ein bisschen schlechter werden nach einer Zeit. Und natürlich kann man sagen: Gut, da muss man wieder nachimpfen. Aber eigentlich ist es nicht das Ziel für alle Zeiten, immer impfen zu müssen", so der Virologe.

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An diese Stelle schließt sich Drostens Aussage mit den Infektionen nach der Impfung an. In einer endemischen Situation kann die Booster-Immunisierung "durch immer wiederkehrende Kontakte mit dem Virus" erfolgen, so Drosten. Gleichzeitig werde die Bevölkerungsimmunität so immer belastbarer. Seine Aussagen beziehen sich damit also auf einen künftigen, zu erreichenden endemischen Zustand nach der akuten Phase der Pandemie, in dem das Virus ähnlich wie ein Erkältungs- oder Grippe-Erreger in der Bevölkerung zirkuliert.

Vor allem für gesunde, geimpfte und jüngere Erwachsene könnte das ein möglicher gangbarer Weg sein. Sie sind dank der Impfung gut vor schweren Verläufen geschützt, sollten sie sich mit dem Virus infizieren. Auch für sich selbst könne er das "verantworten", er sei "relativ gesund" und bereits zweifach geimpft, so Drosten. Gleichzeitig verwies er auf Einschränkungen. 

Eine Ausnahme sind Risikogruppen wie Höchstbetagte oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Der Grund: Es gibt Hinweise, dass diese Personengruppen weniger stark von den Impfungen profitieren als jüngere, gesunde Menschen. Zudem haben sie ohnehin ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe und ihre Impfung liegt meist schon deutlich länger zurück. Für sie wäre ein Infektion ein größeres Risiko als für gesunde Erwachsene – die Booster- oder Dritt-Impfung ist hier also die richtige und sichere Wahl. Bislang haben nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) mehr als 190.000 Menschen in Deutschland eine Auffrischungsimpfung erhalten. 

Fazit

Je höher die Impfquote ausfällt, desto schneller wird der Weg von der Pandemie in die Endemie und damit in die Normalität geebnet. Eine hohe Anzahl an Ungeimpften bremst diesen Prozess aus. Expertinnen und Experten appellieren daher, dass die Impfquote weiter steigen muss. Auch Drosten betont im Podcast die Wichtigkeit der Impfungen: "Man könnte diese Pandemie wegimpfen." Dafür bräuchte es aber eine Impfquote von 90, 95 Prozent. Das sei aber leider im Moment "Utopie". 

Gezielte Infektionen sind nicht zielführend, um den Weg in die Normalität zu beschleunigen, da sie zur Ausbreitung des Erregers beitragen, vulnerable Personen wie auch ungeimpfte Kinder gefährden und die Gesundheitssysteme belasten.

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Klar ist: Auf kurz oder lang wird jede Person mit dem Virus in Kontakt kommen, ob geimpft oder ungeimpft. Für diesen "Erst-Kontakt" können sich Personen durch die Impfung bestmöglich wappnen und schweren Verläufen vorbeugen. 

Zunächst sei es daher wichtig, eine Grundimmunität durch die Impfung aufzubauen, betont auch Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, auf Twitter.  Die Impfung sei für alle Altersgruppen sicherer als die Infektion.

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