Hamstern wurde in der Corona-Krise zum Volkssport. Klopapier, Backmischungen und Haarschneidemaschinen standen weit oben auf den Einkaufslisten der Deutschen. Aber auch Medikamente: „Die Leute rennen uns den Laden ein“, sagte vor einigen Wochen eine Apothekerin im Gespräch mit dem stern. Los ging es mit Desinfektionsmitteln und Mundschutzmasken, dann bunkerten die Menschen Schmerzmittel wie Ibuprofen. „Die Kundenzahlen sind exorbitant nach oben gegangen. Es gab keinen Moment Pause. Man konnte nicht mal auf Toilette“, so die Apothekerin.
„Alle 31 Stunden schließt eine Apotheke“
Die aktuelle Situation zeigt, welchen Stellenwert Apotheken in solchen Krisen einnehmen. Da wiege es umso schwerer, dass die Zahl der Filialen seit Jahren zurückgehe, sagt Michael Kuck, Vorstandschef der Apothekergenossenschaft Noweda, im Gespräch mit „Focus Online“: „Wir haben nur noch rund 19.000 Vor-Ort-Apotheken in Deutschland. Im europäischen Vergleich liegen wir damit unter dem Durchschnitt. Und je weniger es werden, desto länger werden auch die Wege für die Patienten. Statistisch gesehen schließt mittlerweile alle 31 Stunden eine Apotheke.“

Virenausbruch
Apothekerin über Corona: "Man verdient an der Angst der Leute"

Er fordert weitere Unterstützung seitens der Politik: „Der Online-Versandhandel verbrennt massenhaft Geld, indem er zunächst sehr günstige Preise anbietet, und kauft so Umsatz. Das kann ich auch machen, es ist aber nicht nachhaltig. Aber wenn die bestehende Infrastruktur mit den Apotheken vor Ort erstmal geschädigt oder zerstört wurde, ziehen die Preise wieder an. Das muss die Politik erkennen und rechtzeitig gegensteuern.“ Der Versandhandel befeuere ein Apothekensterben in einem großen Ausmaß, erklärt er weiter.
Online-Apotheken haben geringen Anteil – noch
Eine ähnliche Position vertritt auch die Berliner Apothekerin Anke Rüdiger. Im stern-Podcast „Wir und Corona“ sagte sie: „In den vergangenen Jahren wurde viel über Versandhandelsapotheken gesprochen. Ich würde mir wünschen, dass auch in Bezug auf den Transportweg – also wo man seine Arznei bezieht – ein Umdenken stattfindet. Denn jetzt sieht man, wie wichtig es ist, dass es so viele Vor-Ort-Apotheken gibt. Diese spielen im Moment eine ganz, ganz wichtige Rolle.“
Der Marktanteil der Versandhandelsapotheken ist noch vergleichsweise überschaubar. Bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln liegt er bei etwa einem Prozent, das entspricht knapp über 300 Millionen Euro. Bei rezeptfreien Medikamenten – etwa Aspirin oder Ibuprofen – liegt der Marktanteil bereits bei 17 Prozent, das entspricht mehr als 800 Millionen Euro pro Jahr.
„Wenn ich die Stimmen mancher Online-Versandhändler höre, geben sie sich damit nicht zufrieden“, erklärt Noweda-Vorstandschef Kuck. „Sie wollen ihren Marktanteil gerade bei den rezeptpflichtigen Arzneimitteln ausbauen – zehn Prozent ist das Ziel.“ Eine solche Größenordnung „wäre das Aus für Tausende Apotheken“.
Auch Anke Rüdiger hat Bedenken, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. „Der Onlinehandel setzt uns sehr zu und wird uns noch mehr zusetzen, wenn tatsächlich die Festpreise fallen. Momentan gibt es feste Arzneimittelpreise im rezeptpflichtigen Bereich. Wenn das freigegeben werden würde, würde der Versandhandel richtig zulegen.“ Dies würde zu einer extremen Ausdünnung an Vor-Ort-Apotheken führen, ist Rüdiger überzeugt.
Dabei zeige die Corona-Krise, welchen Vorteil eine Vor-Ort-Apotheke hätte, so Rüdiger: „Wir leisten einen wichtigen Job für die Gesellschaft. Wir fangen so viele Menschen ab, die in Krankenhäuser, zu Ärzten laufen würden. Geld sparen ist nicht immer das Wichtigste.“
Quelle: „Focus Online“, „Wir und Corona“
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